DER WAN­DE­RER ZWI­SCHEN DEN WEL­TEN

  • Helmut

    DER WAN­DE­RER ZWI­SCHEN DEN WEL­TEN

    Hel­mut Stie­ger ist vom Berg­bau­ern­sohn zum Ser­vice-Lei­ter im Vier­sterne-S-Hotel auf­ge­stie­gen – und rennt zum Aus­gleich immer mal wie­der 2.000 Meter hoch.

    Seit drei Jah­ren hat der Ser­vice-Lei­ter Hel­mut Stie­ger einen Neben­job im Lin­den­hof: Er beglei­tet einen Tag in der Woche Gäste auf ihrer Wan­de­rung. Stie­ger, ein Berg­bau­ern­sohn aus dem Mar­tell­tal, ist ein erfah­re­ner Wan­ders­mann und kennt die Gegend wie kein ande­rer. „Ich bin berg­süch­tig“, sagt er über sich.

    Die rote Kra­watte ist mit einem per­fek­ten Windsor­kno­ten gebun­den. Der Kurz­haar­schnitt akku­rat. Das Hemd weiß, der Anzug dun­kel, die Schuhe schwarz. „Hat­ten Sie einen schö­nen Tag?“, fragt Hel­mut Stie­ger fast jeden sei­ner Gäste und hört sich von einem Flach­land­ti­ro­ler wie mir an, wie hart doch wie­der der Auf­stieg zur Runster Mühle auf dem Son­nen­ber­ger Pan­ora­ma­weg war. Stie­ger nickt ver­ständ­nis­voll und bemüht sich, für den ande­ren Tag eine noch leich­tere Route zu emp­feh­len. Sein eige­nes Nach­mit­tags­pro­gramm erzählt er kei­nem. Um halb eins, gleich nach dem ers­ten Teil der Arbeit im Lin­den­hof, ist der Ser­vice-Lei­ter des Hotels von Latsch aus los mar­schiert – hoch zur Ver­moi­spitze. Von 650 Höhen­me­ter auf 2.980 Höhen­me­ter. Und wie­der zurück. Power-Wan­dern, nennt er das – und er macht diese oder ähn­li­che Tou­ren vier Mal in der Woche. „Ich bin berg­süch­tig“, sagt Stie­ger, der wäh­rend der Urlau­ber­sai­son für Berg­läufe und Ski-Lang­läufe trai­niert. Min­des­tens zwei Stun­den rennt und läuft er fast täg­lich, berg­auf und bergab. Meist mit sei­ner Frau Irmi, oft auch allein. „Es ist ein wich­ti­ger Aus­gleich für mich zur Arbeit“, sagt er, nach­dem er Wan­der­stie­fel und Knie­bund­ho­sen wie­der getauscht und in die Pin­guin-Uni­form des Restau­rant­chefs geschlüpft ist. Um 19 Uhr kom­men die ers­ten Gäste. Die opti­sche Ver­wand­lung des Berg­stei­gers und Natur­lieb­ha­bers zum Ser­vice-Lei­ter eines Vier­sterne-Plus-Hotels dau­ert viel­leicht eine halbe Stunde. Doch eigent­lich bewegt sich Stie­ger zwi­schen zwei Wel­ten. Hel­mut Stie­ger ist auf dem Pühlahof im Mar­tell­tal auf­ge­wach­sen. Auf einem Berg­bau­ern­hof, 1.500 Meter hoch gele­gen. Zur Schule mus­ste er täg­lich 300 Höhen­me­ter nach unten lau­fen – nach Mar­tell Dorf. Und mit­tags wie­der nach oben. Eine Straße gab es nicht. Im Win­ter ging sein Vater vor­aus, um ihm und sei­nen acht Geschwis­tern einen Weg zu bah­nen. „Ins­ge­samt waren wir sogar 14 Kin­der, weil im Pühlahof zwei Fami­lien leb­ten“, erzählt Hel­mut Stie­ger. Er sagt, er habe seine Kind­heit wirk­lich gelebt. Obwohl sie hart war. „Wir haben in der Natur gespielt, denn Spiel­zeug in dem Sinn hat­ten wir ja kei­nes.“ Die vie­len Urlau­ber aus den Städ­ten kön­nen sich bestimmt nicht vor­stel­len, was ein Leben auf dem Pühlahof bedeu­tete, einem Ort, der eigent­lich nur dank der Natur mit ande­ren Häu­sern und Höfen und Orten ver­bun­den war. Unzäh­lige Kilo­me­ter hat Stie­ger zu Fuß zurück­ge­legt, um Nach­barn zu besu­chen, um mal beim Onkel vor­bei­zu­schauen. Die Stie­gers leb­ten vom eige­nen Anbau, von ihren Scha­fen, Kühen und Rin­dern. Der große Hel­mut erin­nert sich, wie er als klei­ner Hel­mut zwei Mal in der Woche hoch ins Gebirge stei­gen mus­ste, wo die Kühe wei­de­ten, um ihnen einen Zusatz zum Fut­ter zu brin­gen. Und natür­lich auch wie­der zurück. „Das war unser Sport. Wir haben uns wirk­lich stän­dig bewegt“, sagt er. Natür­lich hat Hel­mut Stie­ger die Zeit geprägt, diese ers­ten 15 Jahre in der Natur, eigent­lich fernab der Zivi­li­sa­tion. „Es war lehr­reich, obwohl es mit die­ser heu­ti­gen Welt nichts zu tun hatte“, sagt der 51-Jäh­rige, der seit sei­nem 15. Lebens­jahr im Ser­vice arbei­tet. Er hat im Hotel Savoy in Meran einen Ser­vier­kurs gemacht, im Excel­sior in Meran Hotel­ver­wal­tung gelernt, er war in der Schweiz und acht Jahre im Gas­tro­no­mie­be­reich selbst­stän­dig. Seit 15 Jah­ren ist er jetzt im Lin­den­hof im Ser­vice. Und seit drei Jah­ren ist er auch als „Wan­der­füh­rer“ tätig und damit Nach­fol­ger des 74-jäh­ri­gen Wer­ner Nisch­ler, der gesund­heit­lich kür­zer tre­ten mus­ste. „Der macht das sehr gut“, sagt Nisch­ler senior über Hel­mut Stie­ger – und eigent­lich ist das so was wie ein Rit­ter­schlag. Stie­ger passt seine Wan­de­run­gen den Gäs­ten an. Zwi­schen 300 und 900 Höhen­me­ter bie­tet er ihnen bei sei­nen Aus­flü­gen an, für ihn sind das leichte Spa­zier­gänge. Der Mann seilt sich den Klet­ter­steig Hoach­wool bei Naturns hoch, er besteigt an freien Tagen mal schnell den Ort­ler (3.905 Meter) und die Königs­spitze (3.859 Meter). „Ich brau­che nicht die Couch zwi­schen den Arbeits­stun­den am Mor­gen und denen am Abend, ich brau­che nur die Berge“, sagt er und behaup­tet, dass er es nie über­treibe. Man ist ver­sucht, dem ruhi­gen und sou­ve­rän wir­ken­den Mann, der seit zehn Jah­ren Groß­va­ter ist, zu glau­ben. Bis er die Geschichte vom König-Lud­wig-Lauf in Ober­am­mer­gau erzählt. Beim 50-Kilo­me­ter-Ski-Ren­nen im klas­si­schen Stil zeigte das Ther­mo­me­ter minus 23 Grad – und Hel­mut Stie­ger sagt, er sei schon auf der Stre­cke völ­lig kaputt gewe­sen und habe noch Stun­den nach dem Lauf gezit­tert. „Viel­leicht hätte ich doch nicht star­ten sol­len – zwei Tage nach mei­ner Magen­spie­ge­lung….“ Warum haben Sie nicht auf­ge­ge­ben, als sie gemerkt haben, das geht nicht? „Auf­ge­ben mag ich nicht. Wenn man ein­mal auf­gibt, fin­det man immer wie­der irgend­wel­che Gründe, um alles hin­zu­schmei­ßen.“ Viel­leicht cha­rak­te­ri­siert den Ser­vice-Lei­ter und Natur­men­schen Stie­ger nichts mehr als die­ser eine Satz. Und viel­leicht über­rascht es auch kei­nen mehr, dass sein Sohn inzwi­schen ein her­aus­ra­gen­der Sport­ler ist: Jonas Stie­ger gehört mit 17 Jah­ren dem Junio­ren-Biath­lon-Team an und besucht die Spor­to­ber­schule in Mals mit dem Schwer­punkt Wintersport/Biathlon. „Ich glaube nicht, dass ich ihn dazu getrie­ben habe“, sagt Hel­mut Stie­ger. Pause. Er über­legt. „Aber ich habe ihm halt nichts ande­res gezeigt.“

    Hel­mut Stie­ger ist ver­hei­ra­tet mit Irmi, die auch im Lin­den­hof arbei­tet und für das Früh­stücks­buf­fet zustän­dig ist. Beide haben zwei Kin­der: Sarah ist 27, Jonas ist 17. Als Ser­vice-Lei­ter ist Stie­ger für 15 Ange­stellte Ver­ant­wort­lich sowie für den Ein­kauf von Wei­nen. Stie­ger ist 51 Jahre alt und arbei­tet seit 16 Jah­ren im Lin­den­hof.

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1 Comment

  • Der Lebens­lauf bzw. Bio­gra­phie trifft super zua zum Hel­mut, toll for­mu­liert, und er weard sel­ten miad, a nit bei 68 Km und 4.200 Hm bei den Huf­ei­sen Ultra Sky­race Sarn­tal !!!

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