Hier ist die Frei­heit wirk­lich gren­zen­los

  • Helmut Martelltal (6)

    Hier ist die Frei­heit wirk­lich gren­zen­los

    Mit dem Lin­den­hof-Restau­rant­lei­ter und Hoch­al­pi­nis­ten von Gold­rain bis zum Zufritt­stau­see – im Auto. „Schi­an Bliaml­tol” nen­nen die Ein­hei­mi­schen ihr Mar­tell­tal.

    Es passt nicht. Hel­mut Stie­ger im Auto. „Wo kann ich den Sitz ver­stel­len?”, fragt er – und der Fah­rer merkt bei jedem Kilo­me­ter: Am liebs­ten wür­de der Mann aus­stei­gen, zu Fuß gehen, Berg­stei­ger­stie­fel anzie­hen. Raus aus dem Kar­ren. Rein in die Natur. „Da oben, guck, da siehst Du die Zufallspit­ze mit dem Ceve­da­le-Glet­scher”, sagt der 54-jäh­ri­ge Restau­rant­lei­ter des Dol­ce Vita- Resort Lin­den­hof. Beim Pferd wür­de man sagen, es scharrt mit den Hufen. „Da warst Du schon?”, fragt der Auto­fah­rer ange­sichts der 3.757 Metern ent­geis­tert. Und der Berg­stei­ger schaut ihn ver­wun­dert mit­lei­dig an. „Willst Du jetzt wis­sen, wie oft? Das kann kein Mensch mehr zäh­len.”

    Wir fah­ren durchs Mar­tell­tal. Von Gold­rain über Mor­ter auf der 22 Kilo­me­ter lan­gen Asphalt­stra­ße an der Pli­ma ent­lang. 18 Pro­zent Stei­gung. Hier ist sei­ne Hei­mat, hier ist er auf­ge­wach­sen, groß gewor­den, hier­her kommt er in jeder frei­en Minu­te zurück. „Das ist ein Stück Gebor­gen­heit. Nir­gend­wo füh­le ich mich so wohl wie im Mar­tell­tal. Wahr­schein­lich nennt man das Hei­mat­ge­füh­le”, sagt Hel­mut Stie­ger und deu­tet mit dem rech­ten Zei­ge­fin­ger links am Fah­rer vor­bei auf die Burg Ober­mon­ta­ni, die 1328 auf dem Fels­rü­cken ent­stan­den ist und als Wahr­zei­chen die­ser Gegend gilt, und gleich wie­der nach vor­ne, wo jetzt „das rich­ti­ge Mar­tell­tal” beginnt. Wir sind in Sand „Jetzt öff­net sich das Tal”, sagt der Ein­hei­mi­sche.

    Immer wie­der zieht es sei­ne Bli­cke nach rechts, rüber zum elter­li­chen Hof, auf dem heu­te der ältes­te Bru­der lebt. Hier, sagt er, kom­men die Erin­ne­run­gen hoch. An die unbe­schwer­te Kind­heit, trotz har­ter Arbeit. „Bei der Heu­ern­te sind wir von mor­gens sie­ben bis abends auf den Fel­dern gewe­sen.” Er erzählt, wie schwer es war, weil man an den stei­len Hän­gen ern­ten muss­te, und im glei­chen Atem­zug, wie schön es war, hier die Kind­heit ver­brin­gen zu dür­fen. Unter­halb der Laa­ser Spit­ze mit ihren 3.300 Metern Höhe, die er heu­te jeden Tag von der Lin­den­hof-Ter­ras­se aus sieht.

    Die Ein­woh­ner­zahl im Mar­tell­tal sinkt kon­ti­nu­ier­lich. 869 Men­schen sind heu­te noch hier, ver­streut in den ein­zel­nen Wei­lern, auf ein­sa­men Höfen. Fast 500, so schätzt Hel­mut Stie­ger, leben von der Land­wirt­schaft. Mehr schlecht als recht. „Die Bau­ern ver­su­chen, ihre Erd­bee­ren zu ver­kau­fen, schwar­ze Johan­nis­bee­ren, Radic­chio-Salat, Kir­schen und Apri­ko­sen.” Der Druck sei grö­ßer gewor­den, weil heu­te nicht mehr eine gan­ze Kin­der­schar auf den Bau­ern­hö­fen mit­hilft. „Vie­le Bau­ern sind Jung­ge­sel­len, nur wenig Frau­en wol­len hier her­zie­hen”, sagt Hel­mut Stie­ger, der auch sei­nem Bru­der bei der Umstel­lung von der Land­wirt­schaft gehol­fen hat. Der baut heu­te Was­ser­lei­tun­gen für ande­re Bau­ern und hat nur noch fünf Hoch­land­rin­der im eige­nen Stall ste­hen.

    Wenn Stie­ger als Bei­fah­rer brem­sen könn­te, wür­de er es tun. „Hier in Mar­tell am Wald­berg haben sie eine wun­der­schö­ne Rund­wan­der­stre­cke ange­legt. Den Koundl­weg. Zwei­ein­halb Stun­den. Der wäre sogar was für Dich”, sagt er und man spürt gera­de­zu sei­ne Ver­zweif­lung im Auto. Der Hoch­al­pi­nist gäbe sich mit einem „Spa­zier­gang” zufrie­den. Schließ­lich öff­net er wenigs­tens das Fens­ter: „Riechst Du den Duft der Berg­wie­sen?”

    Über Ser­pen­ti­nen geht es hoch auf 1.700 Meter Höhe. Links ist das Biath­lon- und Lang­lauf­zen­trum zu sehen. Für Tou­ris­ten sei es ein „sehr roman­ti­sches Plätz­chen mit klei­nen Wie­sen und Alm­hüt­ten auf 15 ha”, für die bes­ten Sport­ler Ita­li­ens ist es die Drill­stät­te zum Erfolg. Acht­jäh­ri­ge trai­nie­ren hier genau­so wie die Natio­nal­mann­schaf­ten Ita­li­ens. Plötz­lich wird Hel­muts Stim­me lau­ter. Ein Berg! „Schau, die drei Kano­nen auf dem Ceve­da­le-Glet­scher, da vor­ne.”

    DSC08812Es sind nicht vie­le Autos unter­wegs in Rich­tung Zufritt­stau­see, der auf 1.800 Metern Höhe liegt. „Die Bau­ern haben einen Zusam­men­schluss mit Sul­den ver­hin­dert, das hät­te den Tou­ris­mus gestärkt”, sagt Hel­mut Stie­ger. Heu­te gehört das Gebiet zum Natur­park Stilfs­er­joch und darf kaum mehr ver­än­dert wer­den. Der sanf­te Tou­ris­mus sei hier gefragt, was frei­lich auch oben am Park­platz auf 2.050 Meter Höhe „das Ende der Zivi­li­sa­ti­on” bedeu­tet. Vier, fünf Gast­stät­ten gibt es noch um den Stau­see her­um, das „Para­di­so” dage­gen, ein Grand­ho­tel, vor dem ers­ten Welt­krieg für die Rei­chen der Reichs­ten zwi­schen Lär­chen und Kie­fern erbaut, fin­det kei­nen Päch­ter mehr. Zuletzt hat es die deut­sche Wehr­macht 1943 ein­ge­nom­men. Heu­te ist es eine rote Rui­ne. „Die Sai­son bei uns ist zu kurz – von Juni bis Sep­tem­ber”, sagt Stie­ger.

    Die Sai­son für Tou­ris­ten. Für Hote­liers. Für einen wie Stie­ger hat die Sai­son dage­gen zwölf Mona­te. Und 365 Tage. Wenn es mit Berg­stei­ger­stie­feln nicht mehr geht, schnallt er sich oben halt die Ski­er an. Vor dem Wet­ter hat er kei­ne Angst, höchs­tens vor Blitz­ge­wit­tern. „Ich habe alles schon mit­ge­macht.” Viel­leicht ist das auch mit ein Grund, war­um er sich nir­gends so frei fühlt wie bei sei­nen vie­len Tou­ren im Mar­tell­al. „Wenn du jeden Stein kennst, genau weißt, was dich nach der nächs­ten Abbie­gung erwar­tet, brauchst du über nichts nach­zu­den­ken. Und wenn du über nichts nach­den­ken musst, fühlst du dich so frei wie nie zuvor. Und kannst die Berg­welt genie­ßen wie kein ande­rer.”

    Der Auto­fah­rer und der Extre­mal­pi­nist sind am Ziel ihrer Tour. Am Ende der Stra­ße. Von hier aus sind Fuß­mär­sche ange­sagt, in diver­sen Schwie­rig­keits­gra­den. Zum Bei­spiel fünf Stun­den über die Rot­spit­ze bis zur Mar­tell­hüt­te. 1.200 Höhen­me­ter. Für einen wie Stie­ger fast ein nor­ma­les Aus­flugs­pro­gramm. Für einen geüb­ten Nur-Auto­fah­rer der Tod. „Wir könn­ten auch eine schö­ne Rund­wan­de­rung ober­halb der Klip­pen machen. Das sind nur 300 Höhen­me­ter.” Hel­mut wagt einen letz­ten Ver­such, spricht aber leicht­sin­ni­ger­wei­se von zwei­ein­halb Stun­den Fuß­marsch.

    Es ist der Moment, an dem sich ihre Wege tren­nen. Oben am letz­ten Park­platz. Der Alpi­nist geht zu Fuß, der Fah­rer steigt ins Auto. Und bei­de genie­ßen sie das Mar­tell­tal. Jeder auf sei­ne Art.

    HEL­MUT LÄDT AUCH NICHT-WAN­DE­RER EIN

    MUSE­UMS­BE­SUCH

    Nicht täu­schen las­sen: auch wenn das cul­tur­amar­tell im moderns­ten Ambi­en­te kurz vor Mar­tell an der Haupt­stra­ße ins Auge sticht, zeigt es doch ein­drucks­voll die Ver­gan­gen­heit und die gan­ze Last der Berg­bau­ern. Sie erle­ben einen Streif­zug durch die bäu­er­li­che Kul­tur­land­schaft, es ver­mit­telt die Karg­heit, das har­te Dasein, aber auch die Hei­mat­lie­be der Men­schen im Mar­tell­tal.

    SPORT

    Vor allem die Klet­ter­freun­de kom­men im Mar­tell­tal auf ihre Kos­ten. Im Frei­zeit­park Tratt­la am Muse­um cul­tur­amar­tell ist eine Klet­ter­hal­le gebaut wor­den, die auf 300 qm Flä­che fast alle Schwie­rig­keits­gra­de bie­tet. Hier fin­den Sie auch Ten­nis­plät­ze, Tisch­ten­nis­plat­ten, es gibt einen Trimm-Dich-Pfad, eine Boc­cia-Bahn, Mini­golf und und und. Klet­tern kön­nen Sie auch an der Stau­mau­er des Zufritt­sees. Zwei Rou­ten sind 80 Meter lang.

    KRÄU­TER

    Wenn Sie sich für Kräu­ter inter­es­sie­ren, sind Sie bei Mar­tha Stie­ger im Dorf Mar­tell ober­halb der Kir­che (Mei­ern 258) rich­tig. Sie hat sich einen ganz spe­zi­el­len Kräu­ter­gar­ten ange­legt, ver­kauft ganz beson­de­ren Tee, stellt Kos­me­ti­ka eben­so selbst her wie Mar­me­la­de oder Säf­te. Ihre Lebens­de­vi­se: nehmt eure Gesund­heit selbst in die Hand. Wir haben die bes­ten und ein­fachs­ten Mit­tel vor der Haus­tü­re. Wenn Sie jetzt Angst vor Hokus­po­kus haben, kann ich Sie beru­hi­gen. Die Dame ken­ne ich seit ihrer Kind­heit. Sie ist näm­lich mei­ne Schwes­ter. Tele­fon: +39 339 689 4903/ www.kraeutergarten.it

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