MEI­NE STILFSER JOCH-GESCHICH­TEN

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    MEI­NE STILFSER JOCH-GESCHICH­TEN

    Von Doping­pro­ben, von Frau­en und von Stras­sen­sper­ren

    Der Lin­den­hof-Chef Joa­chim Nisch­ler fährt jeden Diens­tag mit sei­nen Gäs­ten um die Wet­te zum Stilfser Joch. Nach 30 Jah­ren zieht er Bilanz und merkt: „Ich ver­lie­re ja immer öfters…”

    stilfserjochEs sind 24,2 Kilo­me­ter. Es gibt 48 Keh­ren. Und der Höhen­un­ter­schied beträgt 1.958 Höhen­me­ter. 491 Mal ist Joa­chim Nisch­ler die­se Stre­cke von Prad hin­auf zum Stilfser Joch mit dem Renn­rad gefah­ren. Als er jün­ger war (auch das war er mal) in einer Zeit von einer Stun­de und 30 Minu­ten. „Die­se Zeit woll­te ich immer unter­bie­ten”, sagt er. Aber: er woll­te schon viel im Leben – heu­te ist er froh, wenn er unter zwei Stun­den bleibt. So vie­le Gut­schei­ne wie in der ver­gan­ge­nen Sai­son hat er noch nie ver­lo­ren. „50 Pro­zent mei­ner Gäs­te haben mich geschla­gen”, sagt er. War­um er immer noch dar­an glaubt, dass er schnel­ler wird, sagt er nicht. Nächs­tes Jahr wird er 50, bis dahin will er 500 Mal von Prad nach oben gera­delt sein. Drei Geschich­ten fal­len ihm beson­ders schnell ein, wenn er vom Stilfser Joch erzählt.

    Joa­chim und die Poli­zei
    „Es war irgend­wann 2008. Ich weiß noch, dass wir damals eine rich­tig schnel­le Trup­pe hat­ten. Wir waren früh oben, kei­ner hat­te län­ger als zwei Stun­den gebraucht. Und weil ich wuss­te, dass mein Rad­fahr­kum­pel Sigi Wei­ßen­horn noch nach­kom­men woll­te, lie­ßen wir es uns oben am Stilfser Joch rich­tig gut gehen. Der Wein hat uns geschmeckt, auch der Schnaps. Und als Sigi dann ange­ru­fen hat, er sei auf der ande­ren Sei­te und ob wir nicht ein­fach Rich­tung Schweiz abfah­ren und ihn da tref­fen könn­ten, fiel die Ent­schei­dung schnell: Wir fah­ren aus­nahms­wei­se mal über den Umbrail­pass zurück.

    IMG-20190618-WA0008’Brau­chen wir da kei­nen Pass?’, frag­te einer lei­se, aber wir pros­te­ten uns lie­ber laut zu. Und es kam, wie es kom­men muss­te. ,Ihren Pass, bit­te’, stopp­te uns ein ita­lie­ni­scher Grenz­po­li­zist. Mit reich­lich flüs­si­gem Selbst­ver­trau­en im Blut erklär­te ich ihm, wer ich bin. Hote­lier. Und der Joa­chim. Und dass ich jede Woche mit Gäs­ten aufs Stilfser Joch rad­le. Und …. Und dann nahm er mich mit ins Grenz­häus­chen. Ich muss­te eine Urin­pro­be abge­ben. Mei­ne Güte, ich konn­te es nicht glau­ben. Und das Thea­ter, das die­se Poli­zis­ten abzo­gen: Die Urin­pro­be habe klar erge­ben, ich sei gedopt, sag­ten sie mir. Ich wur­de immer wüten­der, wes­halb ich auch nicht erkann­te, dass man in die­sem Grenz­häus­chen sicher nicht in einer Minu­te eine Urin­pro­be aus­wer­ten konn­te. Sie wür­den mir jetzt Blut abneh­men, erklär­ten die Ita­lie­ner und stie­ßen mich in einen klei­nen, dunk­len Raum, in dem eine rie­si­ge über­di­men­sio­na­le Plas­tik­sprit­ze auf dem Tisch lag. Und plötz­lich hör­te ich das Gejoh­le von außen. Mein Kum­pel Sigi hat­te die ande­ren Gäs­te und Rad­ler ein­ge­weiht: Es war die Revan­che für einen Streich, den ich ihm gespielt hat­te. Und weil er drei Freun­de bei der ita­lie­ni­schen Grenz­po­li­zei hat­te, stand ich in der Unter­ho­se da und ziel­te zit­ternd in ein Urin­gläs­chen…”

    Joa­chim und die Rad­fah­re­rin
    „Es ist ja so ein biss­chen wie bei einem rich­ti­gen Ren­nen. Im Vor­feld son­diert man das Feld. Wer könn­te einem gefähr­lich wer­den? Wer macht den fit­tes­ten Ein­druck? Wer fährt sich am pro­fes­sio­nells­ten ein? Zwei jun­ge Män­ner fie­len mir auf, gegen die wird es schwer, dach­te ich mir. Und eine jun­ge Frau fiel mir auf, aber eher wegen ihrer guten Figur. Hof­fent­lich packt sie es nach oben, mit ihr wür­de ich ger­ne ansto­ßen… Was Machos halt so ein­fällt in einer sol­chen Situa­ti­on. Pro­fi, wie ich bin, kon­zen­trier­te ich mich aber zunächs­tauf das Sport­li­che – und häng­te mich bei den zwei Jungs ans Hin­ter­rad. Die darfst du nicht fah­ren las­sen, über­leg­te ich – und schon waren sie weg. Null Chan­ce. Das kos­tet zwei Gut­schei­ne. Ich war wütend auf mich – und schau­te nach hin­ten. Und mir ging’s wie­der bes­ser. Da kam näm­lich die­se gut­aus­se­hen­de Frau. Das ist doch nett. Mit der fährst du jetzt gemüt­lich aufs Stilfser Joch, die ande­ren sind weit zurück. Es wird doch noch ein schö­ner Tag. Zwölf Minu­ten spä­ter war der schö­ne Tag zu Ende. Die Dame trat im Lär­chen­wald ober­halb von Tra­foi kurz in die Peda­le, und ich japs­te nach Luft. Ich habe mir geschwo­ren,  dass ich künf­tig vor­her die Namen der Teil­neh­mer goog­le. Denn dann hät­te ich gemerkt, dass Lai­la Ore­nos damals schon zwei Mal hin­ter­ein­an­der den Ötz­ta­ler Rad­ma­ra­thon gewon­nen hat­te.“

    Joa­chim und die Stra­ßen­sper­re
    „Ich muss mich nach­träg­lich noch ein­mal bei allen Gäs­ten bedan­ken, die an mei­nemstilfserjoch2 46. Geburts­tag mit mir aufs Stilfser Joch gefah­ren sind. Sie haben mich alle geschla­gen – und kei­ner woll­te einen Gut­schein. Und das kam so: Ich hat­te ein paar Freun­de ein­ge­la­den, aber alle sag­ten mir ab. Kei­ne Zeit, schon anders geplant, krank und so wei­ter und so fort. Etwas ent­täuscht habe ich mein übli­ches Pro­gramm gestar­tet, die acht Gäs­te hat­te ich gut im Griff – bis zur Keh­re 46. Plötz­lich hör­ten wir auf Höhe des Hotels unse­res Ski­stars Gus­tav Thö­ni Zieh­har­mo­ni­ka-Musik – und vor uns tauch­te eine Stra­ßen­sper­re auf. Ein Band, auf dem stand: ,Alles Gute zum 46. Geburts­tag’. Wir muss­ten alle abstei­gen, und all die Freun­de, die vor­her abge­sagt hat­ten, ver­teil­ten
    Speck, Käse, Brot und Schnaps. Und sie nah­men mir nach der Zwangs­pau­se das Fahr­rad ab. Ich bekam ein Nach­kriegs­mo­dell, wäh­rend jeder mei­ner Gäs­te auf ein E-Bike umstei­gen durf­te. Aber weil ich Geburts­tag hat­te, haben sie auf mich freund­li­cher­wei­se an jedem Gast­haus gewar­tet. ,Am Wei­ßen Knott’ wur­de nach­ge­schenkt, am ,Hotel Fran­zens­hö­he’. Und natür­lich fei­er­ten wir auch ganz oben am Stilfser Joch wei­ter. Zurück ging es Gott­sei­dank im Lin­den­hof-Bus – und der Geburts­tag war gelau­fen.“

     

     


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