Män­ner und Schön­heits­pfle­ge – der Selbst­ver­such im Lin­den­hof

  • Kosmetik

    Män­ner und Schön­heits­pfle­ge – der Selbst­ver­such im Lin­den­hof

    62 JAH­RE – UND DAS GESICHT HÄLT

    Wie Ste­fa­nie den „Alte­rungs­pro­zess“ eines Gas­tes ver­lang­sa­men will – Ein Selbst­ver­such in der Kos­me­tik­ab­tei­lung

    Noch immer geben Frau­en zehn­mal so viel Geld für Kos­me­tik­pro­duk­te aus wie Män­ner, doch die neue Ziel­grup­pe ist für die Her­stel­ler männ­lich. „Das Poten­ti­al ist grö­ßer – und damit auch die Dyna­mik des Wachs­tums“, sagen die Exper­ten. Immer mehr Män­ner wagen sich angeb­lich an Cremes und Gesichts­be­hand­lun­gen.

    Ein letz­ter Blick in die Rezep­ti­on des Hotels. „Prägt euch bit­te die­ses Hemd ein. Wenn ihr es in einer Stun­de wie­der seht, bin ich es“, sage ich aus ech­ter Sor­ge, man kön­ne mich ver­wech­seln und nicht mehr in das Zim­mer 302 las­sen – doch Debo­rah lächelt nur wei­se. „Ich weiß schon, Sie haben eine Gesichts­be­hand­lung gebucht.“ Beau­ty 4, Kos­me­tik­ab­tei­lung, Erd­ge­schoss, Hotel Lin­den­hof. Ein soge­nann­ter „Behand­lungs­stuhl“ steht in dem klei­nen Raum, ein Spie­gel mit Licht hängt an einem dyna­mi­schen Stän­der, den man hin und her­schie­ben kann. Wie beim Zahn­arzt, den­ke ich. Es ist so ein Moment, in dem man sich fragt, wor­auf man sich da ein­ge­las­sen hat. 62 Jah­re lang hat mein Gesicht gehal­ten – und wenn es einem/einer nicht gefal­len hat, hat er/sie ein­fach weg­schau­en kön­nen. War­um, in drei Teu­fels Namen, ver­su­che ich jetzt plötz­lich aus­zu­se­hen wie 61 mit der Gefahr, dass mich viel­leicht anschlie­ßend kei­ner mehr erkennt. „Sol­len wir eine Fuß­mas­sa­ge dazu machen?“, fragt Ste­fa­nie und reißt mich aus mei­nen trü­ben Gedan­ken. Eine Fuß­mas­sa­ge? Bei der Gesichts­be­hand­lung? „Wir bie­ten das ger­ne an, weil es zur Ent­span­nung bei­trägt“, sagt die Kos­me­ti­ke­rin – und mir wird die Absicht schnell klar: Die Fuß­mas­sa­ge bei der Kos­me­tik ist wie eine Art Nar­ko­se beim Zahn­arzt – du bist weg und bekommst nicht mehr mit, was mit dei­nem Gesicht alles veran(un)staltet wird. Dan­kend leh­ne ich ab – und Ste­fa­nie erklärt mir den wei­te­ren Ver­lauf des Schick­sals. Ich ver­ste­he Rei­ni­gung, Pee­ling, Heiß­dampf, Feuch­tig­keits­creme, Mas­ke – und als ich erklä­re, dass man­che Men­schen sich inzwi­schen an mein Gesicht gewöhnt haben und die Ver­än­de­run­gen nicht so extrem sein soll­ten, schaut sie mich fra­gend an. „Wir kön­nen doch Ihr Gesicht nicht ver­än­dern. Wir ver­su­chen nur, Alte­rungs­pro­zes­se zu ver­lang­sa­men.“ Das habe ich schon oft ver­sucht. Und es ist mir nie gelun­gen. Ich war vor Jah­ren ein­mal 20 Minu­ten jog­gen. Ich habe in drei Fit­ness­klubs Mit­glieds­bei­trä­ge bezahlt und zwar gleich­zei­tig. Und ich habe auch schon mal ein paar Stun­den auf Alko­hol ver­zich­tet. Alles ver­ge­bens. Und nun stoppt Ste­fa­nie mei­nen Alte­rungs­pro­zess. In 80 Minu­ten. Obwohl ich mein Gesicht mor­gens gewa­schen habe, rei­nigt sie mit einem Schaum angeb­lich wei­te­re Schmutz­par­ti­kel ab, belebt mich wie­der mit einem Gesichts­was­ser und fällt dann mit Spie­gel und Licht die nie­der­schmet­tern­de Dia­gno­se: Ich bin der tro­cke­ne Haut­typ mit emp­find­li­cher Haut. Ich ler­ne, was ein enzy­ma­ti­sches Pee­ling ist (ohne Schleif­par­ti­kel natür­lich) und dass beim mecha­ni­schen Pee­ling Jojo­ba-Kügel­chen die abge­stor­be­nen Haut­schüpp­chen lösen. Ste­fa­nie Gor­fer ver­steht ihr Geschäft, sie ist gelern­te Kos­me­ti­ke­rin und seit vier Jah­ren im Lin­den­hof – und immer wie­der muss sie mit Män­nern wie mir kämp­fen. Die glau­ben, eine Behand­lung las­se sie um Jah­re jün­ger aus­se­hen. „Sie soll­ten das alle sechs Wochen machen las­sen“, sagt Ste­fa­nie. Was sie jetzt macht, tut vor allem weh. Denn nicht nur mei­ne Haut ist emp­find­lich, ich auch. Sie rei­nigt die Nase von Mit­es­sern, sie sticht Gries­körn­chen auf und piekst und drückt. Geplatz­te Äder­chen machen ihr zu schaf­fen. „Behand­lun­gen wie die­se kön­nen hel­fen, dass es nicht mehr wer­den.“ Die Schmer­zen gehen wei­ter. „Wie hät­ten Sie Ihre Augen­brau­en ger­ne?“, fragt sie. Ich ver­ste­he die Fra­ge nicht. Akus­tisch schon. Aber: Augen­brau­en sind Augen­brau­en. „Ein biss­chen“, sagt sie – und zupft so wahn­sin­nig, dass ich fürch­te, es bleibt nur noch ein Strich über den Augen. Aller­dings bleibt mir kei­ne Zeit, über mei­nen Augen­brau­en-Typ nach­zu­den­ken. Denn schon kämpft Ste­fa­nie „gegen die frei­en Radi­ka­len“ – mit einer Vit­amin­creme, die vor allem Vit­amin E ent­hält. Es fol­gen Augen­mas­ke, Serum, Hand­mas­sa­ge, Augen­creme und Gum­mi­mas­ke. Sogar Stamm­zel­len von der wei­ßen Rose wer­den unter der Abschluss­creme auf­ge­tra­gen, weil sie iden­tisch sind mit den mensch­li­chen Stamm­zel­len und die Zel­ler­neue­rung anre­gen. Sagt Ste­fa­nie – und ich glau­be wie­der an den neu­en Men­schen. Ich muss zuge­ben: sie hat mich geschafft. DSC_2389Irgend­wann war sogar ich ruhig, war tiefen­ent­spannt, und es war mir egal, wie und ob ich nach­her aus­se­hen wer­de. Es hat ein­fach gut getan, viel­leicht mei­ner Haut. Aber auf jeden Fall mir. Ich ver­ste­he jetzt sogar die Män­ner, die das öfters als ein­mal in 62 Jah­ren mit sich machen las­sen. Bis­her haben sie zum Teil Hohn und Spott ertra­gen müs­sen, aber das hat sich schon geän­dert. Sagen die Mar­ke­ting­ex­per­ten der Kos­me­tik­her­stel­ler. „Soll ich Ihnen viel­leicht doch die Adres­se eines Gesichts­chir­ur­gen geben?“, fragt Debo­rah mit­lei­dig an der Rezep­ti­on, als sie mich nach der Behand­lung sieht. Sie muss mich am Hemd erkannt haben…

    Ste­fa­nie Gor­fer arbei­tet schon seit vier Jah­ren als Kos­me­ti­ke­rin im Lin­den­hof. Sie hat eine vier­jäh­ri­ge Aus­bil­dung im Bereich Schön­heits­pfle­ge in der Berufs­fach­schu­le in Meran hin­ter sich. Ste­fa­nie bie­tet von der Fuß­re­flex­zo­nen-Mas­sa­ge bis zur Gesichts­be­hand­lung alles an – und ist für alle Metho­den eigens geschult wor­den. „Ich fin­de es sehr schön, im Hotel zu arbei­ten. Weil die Men­schen, die hier in Urlaub sind, Zeit mit­brin­gen und Muse haben zur Ent­span­nung. In einem nor­ma­len Kos­me­tik­stu­dio sind immer alle unter Zeit­druck“, sagt sie.


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