Der ganz nor­ma­le Wahn­sinn – ein Tag an der Rezep­ti­on im Lin­den­hof

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    Der ganz nor­ma­le Wahn­sinn – ein Tag an der Rezep­ti­on im Lin­den­hof

    Wie wird denn das Wet­ter bei Ihnen im Sep­tem­ber?

    Fünf Damen und ein Herr ver­su­chen den Gäs­ten Rund­um­ser­vice in allen Lebens­la­gen zu bie­ten und sagen: “Wir lie­ben unse­ren Beruf”

    An der Rezep­ti­on kom­men die Gäs­te an. Und an der Rezep­ti­on ver­ab­schie­den sie sich wie­der. Und doch ist die Arbeit von Bea Ste­chers Team mehr als nur Check-in und Check-out. Es ist von der Wet­ter­vor­her­sa­ge bis zu den pünkt­li­chen Bus­ab­fahrts­zei­ten zustän­dig. Und doch: “Es ist der schöns­te Beruf der Welt”, sagt die Rezep­tio­nis­tin Riba­na Pir­cher.

    Chia­ra Nisch­ler, 21, hat schon die Rus­sen erlebt. Die Rus­sen knall­ten ein­fach ihre Kre­dit­kar­te auf die The­ke an der Rezep­ti­on und ver­lang­ten Ein­tritts­kar­ten für Ver­an­stal­tun­gen, die schon jah­re­lang aus­ver­kauft waren. Kos­te es, was es wol­le – und die Rezep­tio­nis­tin war für promp­te Erle­di­gung ver­ant­wort­lich.

    Das hat die jun­ge Frau im Lin­den­hof noch nicht erlebt, sei es, weil es für das High­light des Jah­res, das Som­mer­nachts­kon­zert der Musik­ka­pel­le Naturns, auch kurz­fris­tig noch Kar­ten gibt, sei es, weil die Gäs­te aus Ita­li­en, der Schweiz, Öster­reich und Deutsch­land doch ein biss­chen anders sind als die Damen und Her­ren aus Russ­land. Und doch: auch im Vier­ster­ne S-Hotel im Vinsch­gau erwar­ten die Urlau­ber per­fek­te Bera­tung, schnel­le Hil­fe und vor allem per­sön­li­che Anspra­che. Debo­rah Lech­ner, mit 22 Jah­ren die Jüngs­te im sechs­köp­fi­gen Rezep­ti­ons­team, ist jeden­falls nach acht Stun­den bei ihrer neu­en Arbeit so geschafft, dass sie abends nur noch eines will: schla­fen! “Für mich ist das alles neu. Du musst den Über­blick über die Buchun­gen behal­ten, die Wün­sche der Gäs­te erfül­len, Mails beant­wor­ten, die Prei­se im Kopf haben und für jede Fra­ge am Tele­fon eine Ant­wort wis­sen”, sagt sie.

    Der ganz nor­ma­le Wahn­sinn an der Rezep­ti­on. Von 7.00 Uhr am Mor­gen bis 22.30 Uhr in der Nacht.

    “Grüß Gott im Dol­ce Vita-Hotel Lin­den­hof in Naturns. Mein Name ist Katha­ri­na. Was darf ich für Sie tun?”

    Katha­ri­na Nisch­ler hat den Job von der Pike auf gelernt, ist Hotel­fach­frau und seit fünf Jah­ren bei Joa­chim Nisch­ler im Lin­den­hof, aller­dings weder ver­wandt noch ver­schwä­gert mit dem Hotel­chef. Doch trotz ihrer Erfah­rung benützt auch sie noch ab und zu den Spick­zet­tel, der hin­ter einer Schrank­tür ver­steckt ist. “Wie vie­le Qua­drat­me­ter die Dusche im Meran-Zim­mer hat, weiß ich doch auch nicht aus­wen­dig”, sagt die 24-Jäh­ri­ge aus dem Schnal­s­tal.

    Fra­gen wie die­se kom­men. Und natür­lich auch sol­che.

    “Wie das Wet­ter im Sep­tem­ber wird? Wir hof­fen doch gut, wenn sie kom­men. Nein, nor­ma­ler­wei­se ist der Sep­tem­ber immer schön. Und wir haben ja auch 315 Son­nen­ta­ge im Jahr in Naturns”, sagt Riba­na Pir­cher am Tele­fon und bie­tet gleich die Honey­moon-Sui­te an, bei der man das Bett auf den Bal­kon fah­ren kann. Bea Ste­cher, die erst Betriebs­wirt­schaft in Inns­bruck stu­diert und dann sechs Jah­re im Hotel Quel­len­hof in Süd­ti­rol gear­bei­tet hat, lächelt. Sie ist Büro­che­fin und an der Rezep­ti­on spe­zi­ell auch noch für Mar­ke­ting und Con­trol­ling ver­ant­wort­lich. Sie weiß, was ihr Team alles leis­ten muss: lang- und kurz­fris­ti­ge Wet­ter­vor­her­sa­gen erstel­len, die Fit­ness der Gäs­te ein­schät­zen, um rich­ti­ge Wan­der­tipps geben zu kön­nen, Han­dys repa­rie­ren, Stau­pro­gno­sen abge­ben, ers­te Hil­fe bei klei­ne­ren Ver­let­zun­gen leis­ten, die Bus­ab­fahrts­zei­ten ken­nen und …

    “Rezep­ti­on, Mar­tin, was darf ich für Sie tun, Herr Mai­er? Pau­se. “Ja, das ist schwer zu sagen. Aber nor­ma­ler­wei­se fährt der Bus abends schon pünkt­lich in Meran ab”, sagt Mar­tin Gapp, der als Obst- und Wein­bau­er, sei­nem Zweit­be­ruf, sol­che Pro­ble­me eigent­lich nicht kennt. Es blüht in der Natur nicht alles dann, wenn er es will.  Den “Halbzeit”-Rezeptionisten trifft es beson­ders hart. Er muss sich als ein­zi­ger Mann unter fünf Rezep­tio­nis­tin­nen behaup­ten, macht das aber seit drei Jah­ren mit der­sel­ben Sou­ve­rä­ni­tät und Ruhe, mit der er auch Herrn Mai­er auf Zim­mer 411 zufrie­den gestellt hat.

    Manch­mal sind halt Kol­le­gin­nen und Gäs­te schwie­rig. “Ich glau­be, wir haben hier eine Mann­schaft, in der jeder den Umgang mit Men­schen liebt”, sagt die Che­fin Bea Ste­cher, “anders kann man den Job nicht aus­üben.” Freund­lich­keit kön­ne man nicht ein­fach an- und aus­knip­sen. Oder Geduld. Oder Men­schen­kennt­nis. “Man hat’s oder man hat’s nicht”, sagt Riba­na Pir­cher, die ihre Arbeit liebt. “Weil ich es mit Men­schen zu tun habe. Und weil ich in einem Hotel arbei­te, in das ich selbst ger­ne als Gast gehen wür­de.” Sie kennt kei­ne schlech­te Lau­ne, auch pri­vat nicht. Höchs­tens Juven­tus Turin ver­liert mal, was aber nicht so oft vor­kommt. “Ich habe den schöns­ten Beruf der Welt”, sagt sie.

    Check-in und Check-out wer­den im Lin­den­hof immer wie­der trai­niert. Auch die Hotel­füh­rung mit den Gäs­ten, und jeden Frei­tag wird in einer inter­nen Sit­zung durch­ge­spro­chen, wel­che Stamm­gäs­te ankom­men und was die­se erwar­ten. Aber Bea Ste­cher ist sich sicher, dass die Arbeit mit den Urlau­bern von Her­zen kom­men muss, sonst wird man in die­sem Beruf kei­nen Erfolg haben. “Du darfst nichts per­sön­lich neh­men und soll­test immer ver­su­chen, die Gäs­te zu ver­ste­hen mit ihren Pro­ble­men. Denn jedes Pro­blem ist wich­tig”, sagt die 30-Jäh­ri­ge.

    “Grüß Gott im Dol­ce Vita-Hotel Lin­den­hof in Naturns. Mein Name ist Katha­ri­na. Was darf ich für Sie tun?”

    Es ist kurz nach 22 Uhr – und Mar­tin sieht, dass vor Fei­er­abend noch sechs E-Mails mit Anfra­gen gekom­men sind. Er wird wohl ein biss­chen län­ger blei­ben, weil sein Chef möch­te, dass alle E-Mails mög­lichst inner­halb einer hal­ben Stun­de beant­wor­tet wer­den. Und mor­gen ist ohne­hin ein Stress­tag für das Team. 30 An- und Abrei­sen gilt es zu bewäl­ti­gen.

    “Selbst­ver­ständ­lich wer­den wir alles tun, damit Sie wie­der Tisch 23 bekom­men, Frau Moser”, sagt Katha­ri­na, wünscht eine gute Anrei­se und fragt noch kurz nach, ob Frau Moser viel­leicht wie­der Mas­sa­ge­ter­mi­ne möch­te. “Es ist näm­lich schon eng in die­ser Zeit mit den Ter­mi­nen.”

    Katha­ri­na Nisch­ler feh­len noch drei Haken auf ihrer 39-Punk­te-To-do-Lis­te. Das Menü für den nächs­ten Tag muss noch geschrie­ben, die Auf­ga­ben­lis­te für den Früh­dienst vor­be­rei­tet, die Gäs­te­mel­dun­gen kon­trol­liert wer­den. Rus­sen wer­den kei­ne ankom­men. Aber auf die Schwei­zer, Öster­rei­cher, Ita­lie­ner und Deut­sche freut sie sich schon. “Ich habe in mei­nem Beruf nur mit glück­li­chen Men­schen zu tun. Weil im Urlaub alle Gäs­te gut drauf sind”, sagt die Rezep­tio­nis­tin. ”Was gibt es Schö­ne­res?”, fragt sie, wäh­rend drau­ßen an der The­ke ein Gast aus Zim­mer 204 auf­ge­regt erklärt, er habe den Vor­hang im Zim­mer run­ter geris­sen – und er kön­ne nur schla­fen, wenn es dun­kel ist. “Kön­nen Sie den jetzt noch repa­rie­ren?”

    Es ist 22.14 Uhr. Debo­rah Lech­ner hat­te Tages­dienst. Sie schläft schon.

     

    ZUR PER­SON

    BeaBea­trix (Bea) Ste­cher

    ist 30 Jah­re alt und seit die­ser Sai­son Che­fin an der Lin­den­hof-Rezep­ti­on. Sie hat drei Jah­re Betriebs­wirt­schaft in Inns­bruck stu­diert, hat in einem Fünf-Ster­ne-Hotel gelernt und war im Hotel Quel­len­hof in St. Mar­tin als Rezep­ti­ons­chefin für ein zwölf­köp­fi­ges Team ver­ant­wort­lich. Im Lin­den­hof ist sie vor allem für Mar­ke­ting und Con­trol­ling zustän­dig.

     

    MartinMar­tin Gapp

    ist in Naturns im “Nisch­lhof” (das ist der mit dem Ten­nis­platz) auf­ge­wach­sen. Er ging in die Wirt­schafts­ober­schu­le, sei­ne gan­ze Lei­den­schaft galt aber dem Obst- und Wein­bau sei­ner Eltern. Des­halb arbei­tet er auch nur halb­tags im Lin­den­hof – und freut sich dort nicht nur auf die Gäs­te, son­dern auch auf die Mit­ar­bei­ter, die aus allen Ecken der Welt kom­men.

     

    Chiara 1Chia­ra Nisch­ler

    21 Jah­re, ist in Naturns
    auf­ge­wach­sen. Ihre Mut­ter Lorel­la hat ihr ita­lie­nisch bei­gebracht, Vater Joa­chim „süd­ti­ro­le­risch”, die Gäs­te im Lin­den­hof hoch­deutsch. Sie stu­diert berufs­be­glei­tend Manage­ment in Inns­bruck. Im Gegen­satz zu ihrer Schwes­ter Emma, die künst­le­risch begabt ist, sieht sie ihre Stär­ken in der Betriebs­wirt­schaft. „Ich kann mit Zah­len, und ich kann orga­ni­sie­ren”, sagt die Hotel-Erbin.

     

    DeborahDebo­rah Lech­ner

    woll­te eigent­lich Leh­re­rin wer­den, bis sie in ihrer Prak­ti­kums­zeit im Som­mer­kin­der­gar­ten wäh­rend des Stu­di­ums der Bil­dungs­wis­sen­schaf­ten merk­te, dass Päd­ago­gik nichts für sie ist. Sie hat bei zwei Hotels hin­ein­ge­schnup­pert und ist über­zeugt, jetzt mit 21 den rich­ti­gen Beruf zu haben. Ihre Eltern haben ein Taxi­un­ter­neh­men (Taxi­Top) in Laatsch.

     

    KatharinaKatha­ri­na Nisch­ler

    kann sich auch mit einem Diplom für Ser­vice und Küche schmü­cken. Die gelern­te Hotel­fach­frau hat zwei Jah­re die Berufs­schu­le Savoy besucht und danach die wei­ter­füh­ren­de Kai­ser­hof­schu­le in Meran. Sie kommt aus dem Schnal­s­tal,  ist 24 Jah­re alt und in der fünfs­te Sai­son im Lin­den­hof. Unter ande­rem ist sie im Lin­den­hof-Büro für die Soci­al Media-Sei­ten zustän­dig.

     

    RibanaRiba­na Pir­cher

    bereut nur eines in ihrem Leben: dass sie lan­ge Zeit im Büro gear­bei­tet hat. “Mit Men­schen an der Rezep­ti­on, das ist mein Traum­job”, sagt die Naturn­se­rin, die eine elf­jäh­ri­ge Toch­ter hat. Emma ist eine erfolg­rei­che Jugend­schwim­me­rin. Auch Riba­na inter­es­siert sich für Sport, man trifft sie sonn­tags auch beim SSV Naturns – dem Spit­zen­rei­ter der Fuß­ball-Lan­des­li­ga.

     

     


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