Der här­tes­te Job der Welt

  • DSC_6110

    Der här­tes­te Job der Welt

    Eine euro­päi­sche Stu­die setzt in den Beru­fe-Ran­kings neue Prio­ri­tä­ten: Wo die Wert­schät­zung fehlt, ist der Stress am größ­ten.

    Es geht nach Dreh­buch. Sie klop­fen ein­mal. Sie klop­fen ein zwei­tes Mal. Sie rufen „House­kee­ping“ – und öff­nen die Zim­mer­tü­re. Was dann kommt, ist der Moment der Wahr­heit. „Es gibt weni­ge Beru­fe, in denen man so viel Ekli­ges sehen muss“, steht in einer euro­päi­schen Stu­die, die nach Bewer­tung diver­ser Punk­te zu dem Ergeb­nis kommt: Zim­mer­mäd­chen haben den här­tes­ten Beruf der Welt.

    Nun ver­sucht inzwi­schen zwar jede Berufs­spar­te durch irgend­ein Ran­king auf sich auf­merk­sam zu machen, doch Anja Scheer kann die ein­zel­nen Punk­te die­ser spe­zi­el­len Aus­wer­tung durch­aus nach­voll­zie­hen. Als House-Gou­ver­nan­te ist sie im Dol­ce Vita-Hotel Lin­den­hof in Naturns für zehn Zim­mer­mäd­chen ver­ant­wort­lich – und die Deut­sche bestä­tigt die wich­tigs­te Ein­schät­zung der Unter­su­chung: „Die Mäd­chen füh­len sich nicht wert­ge­schätzt. Und das führt zu dem Stress“, sagt sie. Oder wie es die Stu­die aus­drückt: „Die Aner­ken­nung, die man sich in ande­ren Beru­fen erar­bei­ten kann, fehlt gänz­lich.“ Des­halb sind in die­ser neu­en Ska­la durch die Prio­ri­tä­ten­lis­te „Wert­schät­zung, Gehalt, Arbeits­be­las­tung“ die Dax-Mana­ger, Feu­er­wehr­leu­te, Kran­ken­schwes­tern und Ärz­te hin­ter den Zim­mer­mäd­chen plat­ziert. „Ich ver­su­che den Mäd­chen immer wie­der klar zu machen, dass Alten­pfle­ger und Kran­ken­schwes­tern eben­so einen har­ten Job haben, aber ich weiß auch: Die­se sozia­len Beru­fe sind in der Öffent­lich­keit ein­fach bes­ser aner­kannt. Und das ist das Pro­blem bei uns“, sagt Anja Scheer.

    Zim­mer­mäd­chen sind weit­hin unsicht­bar, arbei­ten dann, wenn sie kei­ner sieht und bekom­men nur mit, wenn der Gast sich beschwert. Die Aner­ken­nung durch Trink­gel­der, so wur­de euro­pa­weit regis­triert, ist weit weni­ger aus­ge­prägt als frü­her: Nur noch 30 Pro­zent der Hotel­gäs­te den­ken bei der Abrei­se an die per­fekt gemach­ten Zim­mer. Und der Druck ist groß: Es ist kei­ne Sel­ten­heit, dass Zim­mer­mäd­chen ledig­lich zehn bis 20 Minu­ten Zeit für ein Zim­mer bekom­men.

    DSC_6124Im Lin­den­hof wird mit 30 Minu­ten kal­ku­liert – und das Dreh­buch gibt einen ritua­li­sier­ten Ablauf vor: Holz­keil in die Ein­gangs­tü­re, Fens­ter und Bal­kon­tü­re zum Lüf­ten öff­nen, Arma­tu­ren im Bad ein­sprü­hen und ein­wir­ken las­sen, Bett machen, auf­räu­men, abstau­ben, staub­saugen, Bal­kon fegen, Bad und Toi­let­ten säu­bern. „Wir las­sen den Mäd­chen die Frei­heit, Bet­ten, Kis­sen und Hand­tü­cher so zu gestal­ten, wie sie es wol­len. Gera­de die­se Krea­ti­vi­tät bringt ihnen Spaß und Freu­de und oft sogar ein Lob von den Gäs­ten“, sagt Anja Scheer, die weiß, wie robust man in die­sem Job sein muss – see­lisch und kör­per­lich. „Vie­le haben stu­diert und auf­grund der wirt­schaft­li­chen Lage ihr Land ver­las­sen. Für sie ist der Job Neu­land. Und man­che von ihnen geben auch schnell wie­der auf“, sagt Anja Scheer, die alles tut, damit sich ihre Mäd­chen im Lin­den­hof wohl­füh­len. „Wir lachen viel, trotz der schwie­ri­gen und har­ten Arbeit.“

    Zumin­dest bis zu dem Moment, vor dem sie zwei Mal geklopft haben…

    FAK­TEN: Im Lin­den­hof arbei­ten zehn Zim­mer­mäd­chen. Sie kom­men aus Thai­land, von den Phil­ip­pi­nen, aus der Slo­wa­kei, Ungarn, Kroa­ti­en. Zwei sind Ein­hei­mi­sche. Sie begin­nen um 7.30 Uhr mit den öffent­li­chen Plät­zen – dem Ein­gangs­be­reich, dem Schwimm­bad, den Sau­nen, dem Fit­ness­raum. Ab 8.15 Uhr gehen sie in die Zim­mer, die ein „Yes” vor ihrer Tür haben. Ab 9.30 Uhr klop­fen sie an, falls kein „No” hängt. Zim­mer­mäd­chen im Lin­den­hof wer­den vor Sai­son­be­ginn geschult, erhal­ten ein „Dreh­buch” zu den übli­chen Arbeits­ab­läu­fen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.