Die im Dun­keln sieht man nicht…

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    Die im Dun­keln sieht man nicht…

    Hil­de Pir­cher und Fran­ti­sek Mol­can arbei­ten im Dol­ce Vita-Hotel Lin­den­hof – doch nicht ein­mal die Stamm­gäs­te ken­nen die bei­den. „Alle den­ken: wer im Hotel beschäf­tigt ist, kommt mit vie­len Men­schen in Kon­takt. Des­halb sind sol­che Posi­tio­nen nur ganz schwer zu beset­zen”, sagt der Chef Joa­chim Nisch­ler.

    Drei Wasch­ma­schi­nen rotie­ren. Es ist kurz vor halb sie­ben – und Hil­de Pir­cher holt die ers­ten Hand­tü­cher aus dem Trock­ner. Auf ihm klebt ein Pla­kat: „Die gan­ze Welt ist ein Irren­haus. Aber hier ist die Zen­tra­le.”

    Will­kom­men am Arbeits­platz von Hil­de Pir­cher. Wie ihr Kol­le­ge Fran­ti­sek Mol­can ist die Naturn­se­rin kurz nach sechs Uhr durch die Tief­ga­ra­ge über den Hin­ter­ein­gang gekom­men. Sie husch­te in Eta­ge E kurz über den Flur und dann gleich links ab in die Wasch­kü­che. Der Slo­wa­ke schleicht sich ein Stock­werk höher an der Bar vor­bei zum Spül­raum. Die Gäs­te schla­fen noch, die Gefahr, jeman­den bei ihren Kurz­auf­trit­ten in den öffent­li­chen Berei­chen zu begeg­nen, ist gering. Hil­de Pir­cher und Fran­ti­sek Mol­can arbei­ten im Dol­ce Vita-Hotel Lin­den­hof im Dun­keln. 63 Zim­mer, 120 Urlau­ber. Sie sehen kei­ne Gäs­te, und Gäs­te sehen sie nicht. „Ich bin ganz froh, wenn ich mor­gens mit kei­nem reden muss”, sagt die Wasch­frau.

    Fran­ti­sek Mol­can, den alle nur Fer­ro nen­nen, ist seit knapp einem Jahr in Naturns. In sei­ner Hei­mat Slo­wa­kei hat er Mar­ke­ting stu­diert, kei­nen Job bekom­men und ein biss­chen als Elek­tri­ker aus­ge­hol­fen, auch zwei Mona­te in Spa­ni­en. „Mein Bru­der hat mir immer wie­der vom Lin­den­hof erzählt und mir Bil­der aus Süd­ti­rol gezeigt – und ich wuss­te: da will ich auch mal hin”, sagt der 29-Jäh­ri­ge, der so etwas wie der Frau­en­schwarm im Hotel ist. Jeden­falls bei den Mit­ar­bei­te­rin­nen, nur sie sehen ihn ja. So soll es durch­aus die eine oder ande­re geben, die das Geschirr lie­ber tas­sen­wei­se in den Spül­raum trägt. Eine Tas­se nach der ande­ren, ein Tel­ler nach dem ande­ren. Hier arbei­tet Fer­ro qua­si als Nach­fol­ger sei­nes Bru­ders Matus, der jetzt Früh­stücks­koch im Hotel ist.

    Das Leben, sagt Fer­ro, mache ihm Spaß. Er habe sich noch nie so wohl gefühlt wie jetzt. Um 6.30 Uhr hilft er bei der Vor­be­rei­tung des Früh­stück­buf­fets, nach der Küchen­be­spre­chung um acht Uhr schält der ehe­ma­li­ge Mar­ke­ting­stu­dent Kar­tof­feln oder Äpfel oder Toma­ten und spült zusam­men mit sei­nen Kol­le­gen Patrick Pis­ku­ra und Igor Vese­low­sky das Früh­stücks­ge­schirr ab. Ab zwölf Uhr vier­ein­halb Stun­den Pau­se und von 16.30 Uhr bis zum open end spü­len, spü­len, spü­len. „Arbei­ten muss man über­all”, sagt er. „Aber zu Hau­se hast du dir Sor­gen um die­ses und jenes und alles gemacht. Wenn ich hier ein Pro­blem habe, ist es nur mein Pro­blem, alles ande­re geht mich nichts an.” Er hat kei­nen Frei­zeit­stress wie in der Slo­wa­kei, wo natür­lich auch Fami­lie und Freun­de sei­ne Zeit bean­spruch­ten. „Wenn ich hier mit der Arbeit fer­tig bin, kann ich mich ins Bett legen. Oder die Ber­ge anschau­en. Und alles ist gut.”

    Hil­de Pir­cher holt wie­der einen Stoß Hand­tü­cher, der durch ein klei­nes Schlupf­loch von der Decke in den viel­leicht 30 Qua­drat­me­ter gro­ßen Wasch­raum gefal­len ist. Die Zim­mer­mäd­chen kön­nen die Dreck­wä­sche aus jeder Eta­ge in einen Schacht wer­fen – sie kommt wie durch Geis­ter­hand immer bei Hil­de an. „Sams­tags ist die größ­te Hek­tik, wenn die Gäs­te abrei­sen und alles aus den Zim­mern hier­her geflo­gen kommt – Bett­wä­sche, Bade­män­tel und Hand­tü­cher”, sagt die Frau, die seit acht Jah­ren hier unten in aller Stil­le ähn­lich rotiert wie ihre drei Wasch­ma­schi­nen, der Trock­ner und die Bügel­ma­schi­ne. Außer Dreck­wä­sche hat die Stell­ver­tre­te­rin der Gou­ver­nan­te Anja Scheer in die­ser Zeit auch noch was ande­res gefun­den: einen Part­ner fürs Leben. Mit dem Haus­meis­ter Car­let­to (Karl) Trenk­wal­der lebt sie zusam­men in Tschir­land. Ob sie da auch abends immer über den Lin­den­hof reden? „Da habe ich kei­ne Zeit. Da muss ich ja mei­nen eige­nen Haus­halt machen”, sagt sie.

    Fer­ro Mol­can will bald mal sei­ne Eltern ins „schö­ne Süd­ti­rol” ein­la­den, zumal sein Bru­der inzwi­schen eine klei­ne Toch­ter hat. Er kann sich eine Zukunft in Naturns vor­stel­len, „viel­leicht mal als Kell­ner – das wäre schön”. Bis dahin geht er abends um halb elf wei­ter durch den Hin­ter­aus­gang über die Tief­ga­ra­ge zum Mit­ar­bei­ter­haus. Und wenn es für den Mann im Dun­keln über­haupt ein Pro­blem gibt, ist es die­ses: Die vie­len Juve-Fans unter den Mit­ar­bei­tern wol­len nicht begrei­fen, dass Real Madrid die bes­te Mann­schaft der Welt ist. „Irgend­wann gehe ich viel­leicht nach Spa­ni­en – aber nur wegen Real Madrid.”

    „Rudel­bil­dung” im Lin­den­hof

    Im Lin­den­hof ist „Fami­li­en­ar­beit” ange­sagt: außer der Fami­lie Nisch­ler ist die Fami­lie Arvay stark ver­tre­ten: Marosh und Michal arbei­ten als Haus­meis­ter, in die­ser Sai­son haben sie ihren Bru­der Jan als Koch nach­ge­holt. Mich­als Lebens­ge­fähr­tin Miri­am Kucer­ko­va ist schon lan­ge im Eta­gen­ser­vice beschäf­tigt. Maroshs Ehe­frau Michae­la hilft im Wasch­raum aus. Auch die Fami­lie Mol­can ist gut dabei: Matus steht seit die­ser Sai­son mor­gens und am Mit­tag in der klei­nen Show­kü­che, sei­ne Frau Mar­ce­la springt ab und zu im Ser­vice ein, sein Bru­der Fran­ti­sek ist Abspü­ler. Und Hil­de Pir­cher hat mit dem Haus­meis­ter Car­let­to ihren Traum­part­ner ken­nen­ge­lernt.

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