Lifestyle
10. Mai 2016

Der ganz normale Wahnsinn – ein Tag an der Rezeption im Lindenhof

Wie wird denn das Wetter bei Ihnen im September?

Fünf Damen und ein Herr versuchen den Gästen Rundumservice in allen Lebenslagen zu bieten und sagen: “Wir lieben unseren Beruf”

An der Rezeption kommen die Gäste an. Und an der Rezeption verabschieden sie sich wieder. Und doch ist die Arbeit von Bea Stechers Team mehr als nur Check-in und Check-out. Es ist von der Wettervorhersage bis zu den pünktlichen Busabfahrtszeiten zuständig. Und doch: “Es ist der schönste Beruf der Welt”, sagt die Rezeptionistin Ribana Pircher.

Chiara Nischler, 21, hat schon die Russen erlebt. Die Russen knallten einfach ihre Kreditkarte auf die Theke an der Rezeption und verlangten Eintrittskarten für Veranstaltungen, die schon jahrelang ausverkauft waren. Koste es, was es wolle – und die Rezeptionistin war für prompte Erledigung verantwortlich.

Das hat die junge Frau im Lindenhof noch nicht erlebt, sei es, weil es für das Highlight des Jahres, das Sommernachtskonzert der Musikkapelle Naturns, auch kurzfristig noch Karten gibt, sei es, weil die Gäste aus Italien, der Schweiz, Österreich und Deutschland doch ein bisschen anders sind als die Damen und Herren aus Russland. Und doch: auch im Viersterne S-Hotel im Vinschgau erwarten die Urlauber perfekte Beratung, schnelle Hilfe und vor allem persönliche Ansprache. Deborah Lechner, mit 22 Jahren die Jüngste im sechsköpfigen Rezeptionsteam, ist jedenfalls nach acht Stunden bei ihrer neuen Arbeit so geschafft, dass sie abends nur noch eines will: schlafen! “Für mich ist das alles neu. Du musst den Überblick über die Buchungen behalten, die Wünsche der Gäste erfüllen, Mails beantworten, die Preise im Kopf haben und für jede Frage am Telefon eine Antwort wissen”, sagt sie.

Der ganz normale Wahnsinn an der Rezeption. Von 7.00 Uhr am Morgen bis 22.30 Uhr in der Nacht.

“Grüß Gott im Dolce Vita-Hotel Lindenhof in Naturns. Mein Name ist Katharina. Was darf ich für Sie tun?”

Katharina Nischler hat den Job von der Pike auf gelernt, ist Hotelfachfrau und seit fünf Jahren bei Joachim Nischler im Lindenhof, allerdings weder verwandt noch verschwägert mit dem Hotelchef. Doch trotz ihrer Erfahrung benützt auch sie noch ab und zu den Spickzettel, der hinter einer Schranktür versteckt ist. “Wie viele Quadratmeter die Dusche im Meran-Zimmer hat, weiß ich doch auch nicht auswendig”, sagt die 24-Jährige aus dem Schnalstal.

Fragen wie diese kommen. Und natürlich auch solche.

“Wie das Wetter im September wird? Wir hoffen doch gut, wenn sie kommen. Nein, normalerweise ist der September immer schön. Und wir haben ja auch 315 Sonnentage im Jahr in Naturns”, sagt Ribana Pircher am Telefon und bietet gleich die Honeymoon-Suite an, bei der man das Bett auf den Balkon fahren kann. Bea Stecher, die erst Betriebswirtschaft in Innsbruck studiert und dann sechs Jahre im Hotel Quellenhof in Südtirol gearbeitet hat, lächelt. Sie ist Bürochefin und an der Rezeption speziell auch noch für Marketing und Controlling verantwortlich. Sie weiß, was ihr Team alles leisten muss: lang- und kurzfristige Wettervorhersagen erstellen, die Fitness der Gäste einschätzen, um richtige Wandertipps geben zu können, Handys reparieren, Stauprognosen abgeben, erste Hilfe bei kleineren Verletzungen leisten, die Busabfahrtszeiten kennen und …

“Rezeption, Martin, was darf ich für Sie tun, Herr Maier? Pause. “Ja, das ist schwer zu sagen. Aber normalerweise fährt der Bus abends schon pünktlich in Meran ab”, sagt Martin Gapp, der als Obst- und Weinbauer, seinem Zweitberuf, solche Probleme eigentlich nicht kennt. Es blüht in der Natur nicht alles dann, wenn er es will.  Den “Halbzeit”-Rezeptionisten trifft es besonders hart. Er muss sich als einziger Mann unter fünf Rezeptionistinnen behaupten, macht das aber seit drei Jahren mit derselben Souveränität und Ruhe, mit der er auch Herrn Maier auf Zimmer 411 zufrieden gestellt hat.

Manchmal sind halt Kolleginnen und Gäste schwierig. “Ich glaube, wir haben hier eine Mannschaft, in der jeder den Umgang mit Menschen liebt”, sagt die Chefin Bea Stecher, “anders kann man den Job nicht ausüben.” Freundlichkeit könne man nicht einfach an- und ausknipsen. Oder Geduld. Oder Menschenkenntnis. “Man hat’s oder man hat’s nicht”, sagt Ribana Pircher, die ihre Arbeit liebt. “Weil ich es mit Menschen zu tun habe. Und weil ich in einem Hotel arbeite, in das ich selbst gerne als Gast gehen würde.” Sie kennt keine schlechte Laune, auch privat nicht. Höchstens Juventus Turin verliert mal, was aber nicht so oft vorkommt. “Ich habe den schönsten Beruf der Welt”, sagt sie.

Check-in und Check-out werden im Lindenhof immer wieder trainiert. Auch die Hotelführung mit den Gästen, und jeden Freitag wird in einer internen Sitzung durchgesprochen, welche Stammgäste ankommen und was diese erwarten. Aber Bea Stecher ist sich sicher, dass die Arbeit mit den Urlaubern von Herzen kommen muss, sonst wird man in diesem Beruf keinen Erfolg haben. “Du darfst nichts persönlich nehmen und solltest immer versuchen, die Gäste zu verstehen mit ihren Problemen. Denn jedes Problem ist wichtig”, sagt die 30-Jährige.

“Grüß Gott im Dolce Vita-Hotel Lindenhof in Naturns. Mein Name ist Katharina. Was darf ich für Sie tun?”

Es ist kurz nach 22 Uhr – und Martin sieht, dass vor Feierabend noch sechs E-Mails mit Anfragen gekommen sind. Er wird wohl ein bisschen länger bleiben, weil sein Chef möchte, dass alle E-Mails möglichst innerhalb einer halben Stunde beantwortet werden. Und morgen ist ohnehin ein Stresstag für das Team. 30 An- und Abreisen gilt es zu bewältigen.

“Selbstverständlich werden wir alles tun, damit Sie wieder Tisch 23 bekommen, Frau Moser”, sagt Katharina, wünscht eine gute Anreise und fragt noch kurz nach, ob Frau Moser vielleicht wieder Massagetermine möchte. “Es ist nämlich schon eng in dieser Zeit mit den Terminen.”

Katharina Nischler fehlen noch drei Haken auf ihrer 39-Punkte-To-do-Liste. Das Menü für den nächsten Tag muss noch geschrieben, die Aufgabenliste für den Frühdienst vorbereitet, die Gästemeldungen kontrolliert werden. Russen werden keine ankommen. Aber auf die Schweizer, Österreicher, Italiener und Deutsche freut sie sich schon. “Ich habe in meinem Beruf nur mit glücklichen Menschen zu tun. Weil im Urlaub alle Gäste gut drauf sind”, sagt die Rezeptionistin. ”Was gibt es Schöneres?”, fragt sie, während draußen an der Theke ein Gast aus Zimmer 204 aufgeregt erklärt, er habe den Vorhang im Zimmer runter gerissen – und er könne nur schlafen, wenn es dunkel ist. “Können Sie den jetzt noch reparieren?”

Es ist 22.14 Uhr. Deborah Lechner hatte Tagesdienst. Sie schläft schon.

 

ZUR PERSON

BeaBeatrix (Bea) Stecher

ist 30 Jahre alt und seit dieser Saison Chefin an der Lindenhof-Rezeption. Sie hat drei Jahre Betriebswirtschaft in Innsbruck studiert, hat in einem Fünf-Sterne-Hotel gelernt und war im Hotel Quellenhof in St. Martin als Rezeptionschefin für ein zwölfköpfiges Team verantwortlich. Im Lindenhof ist sie vor allem für Marketing und Controlling zuständig.

 

MartinMartin Gapp

ist in Naturns im “Nischlhof” (das ist der mit dem Tennisplatz) aufgewachsen. Er ging in die Wirtschaftsoberschule, seine ganze Leidenschaft galt aber dem Obst- und Weinbau seiner Eltern. Deshalb arbeitet er auch nur halbtags im Lindenhof – und freut sich dort nicht nur auf die Gäste, sondern auch auf die Mitarbeiter, die aus allen Ecken der Welt kommen.

 

Chiara 1Chiara Nischler

21 Jahre, ist in Naturns
aufgewachsen. Ihre Mutter Lorella hat ihr italienisch beigebracht, Vater Joachim „südtirolerisch”, die Gäste im Lindenhof hochdeutsch. Sie studiert berufsbegleitend Management in Innsbruck. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Emma, die künstlerisch begabt ist, sieht sie ihre Stärken in der Betriebswirtschaft. „Ich kann mit Zahlen, und ich kann organisieren”, sagt die Hotel-Erbin.

 

DeborahDeborah Lechner

wollte eigentlich Lehrerin werden, bis sie in ihrer Praktikumszeit im Sommerkindergarten während des Studiums der Bildungswissenschaften merkte, dass Pädagogik nichts für sie ist. Sie hat bei zwei Hotels hineingeschnuppert und ist überzeugt, jetzt mit 21 den richtigen Beruf zu haben. Ihre Eltern haben ein Taxiunternehmen (TaxiTop) in Laatsch.

 

KatharinaKatharina Nischler

kann sich auch mit einem Diplom für Service und Küche schmücken. Die gelernte Hotelfachfrau hat zwei Jahre die Berufsschule Savoy besucht und danach die weiterführende Kaiserhofschule in Meran. Sie kommt aus dem Schnalstal,  ist 24 Jahre alt und in der fünfste Saison im Lindenhof. Unter anderem ist sie im Lindenhof-Büro für die Social Media-Seiten zuständig.

 

RibanaRibana Pircher

bereut nur eines in ihrem Leben: dass sie lange Zeit im Büro gearbeitet hat. “Mit Menschen an der Rezeption, das ist mein Traumjob”, sagt die Naturnserin, die eine elfjährige Tochter hat. Emma ist eine erfolgreiche Jugendschwimmerin. Auch Ribana interessiert sich für Sport, man trifft sie sonntags auch beim SSV Naturns – dem Spitzenreiter der Fußball-Landesliga.

 

 

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