Lifestyle
26. April 2022

Anneliese Gapp ist 80. Und sie erinnert sich noch gut an die Zeit, als sich ihre Heimatgemeinde veränderte. Es war die Zeit, als der Tourismus begann. Vor rund 50 Jahren mit dem „Schönblick“, dem Lindenhof und dem „Feldhof“.

Ohne Gäste wäre es langweilig in Naturns

Sonntags blühte die Gemeinde Naturns auf. Wenn die Bergbauern von ihren Höfen ins Tal stiegen, um in der Kirche zu beten. Danach führte sie der Weg Gottes meist ins Café der Bäckerei Baumgärtner an der Hauptstraße. „Da war was los“, sagt Anneliese Gapp, die damals Baumgärtner hieß, als Tochter des Hauses bediente und den vielen Gästen erklären musste, warum heute der Apfelkuchen schon aus ist.

Wir sitzen auf einer kleinen Bank ganz oben auf der weitläufigen Fläche des „Nischlhofs“. Es ist der Lieblingsplatz von Anneliese Gapp. Hierher zieht sich die fitte 80-jährige Frau zurück, wenn sie mal ihre Ruhe braucht, wenn sie hinunter auf ihre Heimatgemeinde schauen will und an alte Zeiten denkt. „Zu meiner Kind- gab es zehn Autos im Ort. Wir haben auf der Hauptstraße gespielt und wurden eigentlich nie gestört“, sagt sie.

Es war eine andere Zeit. Wie überall. Aber was dann geschah, veränderte das Leben vieler in Naturns, mehr als anderswo. Als einige Ende der 60er Jahre begannen, im Sommer ihre Betten an Urlauber aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu vermieten und selbst in den Keller ihres Hauses zogen, setzte sich in der 1.500 Einwohner zählenden Gemeinde langsam die Idee des Tourismusgeschäfts durch. „Einige von uns waren sicher, dass unsere Lage und unser Wetter immer mehr Touristen anlocken würde“, erzählt Anneliese Gapp, die zu dieser Zeit gerade als Ehefrau auf den „Nischlhof“ eingezogen war.

„Es war damals ein alter Bauernhof, nicht mehr“, sagt sie. Die Gapps ließen sich überreden, am Aufbau der Infrastruktur mitzuarbeiten. So übernahmen sie zuerst als Pächter die Minigolfanlage der Gemeinde am Sportplatz beim Nörderberg und später bauten sie die ersten Tennisplätze im Vinschgau auf ihrem Grundstück am Sonnenberg.

Unten bauten andere. Alfons Hanny den „Feldhof“, Werner Nischler den „Lindenhof“. Pensionen wurden eröffnet, immer mehr Einwohner boten „Zimmer mit Waschbecken“ an. Und die Touristen kamen. Von wenigen hundert Gästen auf über 50.000 Übernachtungen pro Jahr schnellten die Zahlen in den 70ern. Und aus dem Uhrmacher wurde der Juwelier, aus der Schneiderei ein Modegeschäft, aus den Tante-Emma-Läden Supermärkte. Das imposante Bürger und Rathaus im Ortszentrum entstand 1979 mit einer Architektur, die sich an Schloss Hochnaturns orientierte. „Am meisten vom Boom profitiert haben die Baugeschäfte“, sagt Anneliese Gapp und lacht.

Der Blick von hier oben ist noch immer atemberaubend. Man sieht die neuen Baukörper des Lindenhofs, die alten Weinberge, das großzügige Freibad, die Gemeinde, in der sich so vieles verändert hat. „Natürlich kennt man heute nicht mehr jeden, wenn man durch die Straßen geht“, sagt Anneliese Gapp, die Tante des heutigen Lindenhof-Chefs Joachim Nischler. Auch er hat viele Fremde nach Naturns gebracht – und das gefällt ihr. „Ich weiß nicht, wie wir heute leben würden. Aber eines weiß ich: Ohne Gäste wäre es langweilig geworden“, sagt sie.

450.000 Übernachtungen zählt Naturns heute – und auch der „Nischlhof“ bietet seit 1997 Zimmer und Appartements an. „Als in Deutschland die Erfolgsgeschichte Tennis mit Boris Becker und Steffi Graf zu Ende ging, war auch bei uns auf den Tennisplätzen nicht mehr so viel los“, sagt Anneliese Gapp. Ihr Sohn Wolfgang, der sein Geld als Präsident des Landesverbandes der Freiwilligen Feuerwehren Südtirols verdient, empfahl die Kurskorrektur. Obwohl er selbst mal Tennislehrer und erfolgreicher Turnierspieler war, fuhr er das „Tennisgeschäft“ auf einen Platz zurück und baute neben dem Elternhaus in idyllischer Lage unterhalb des Schloss Hochnaturns und neben der Lieblingsbank seiner Mutter Zimmer und Appartements. Heute arbeitet die ganze Familie mit Schwiegertochter, Enkel und Enkelin am, im und um den „Nischlhof“.

Und wenn man den 91-jährigen Luis Gapp mit blauer Schürze an den Weinreben stehen sieht, könnte man meinen, es habe sich nichts verändert hier oben in Naturns. Tatsächlich kommen auch noch immer die Bergbauern sonntags runter ins Tal. Und gehen in die Kirche. Nur das Cafe Baumgärtner gibt es nicht mehr. Es scheint allerdings nicht der einzige Grund dafür zu sein, dass der Sonntag nicht mehr der umsatzstärkste Tag für die Naturnser ist. Die Gemeinde hat jetzt die ganze Woche geöffnet. Nicht nur für Bergbauern.

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